Kurz vor Sylvester 2009 hat sich Jonas endlich gemeldet. Er hat keine Perspektive in Ghana, denn er ist völlig mittellos, von der Familie verstoßen und ein soziales Netz, wie es bei uns existiert, gibt es dort nicht. Ich habe einen Brief an meine Freunde und Bekannten geschrieben und bitte um Unterstützung.
Wir haben eine konkrete Idee, wie wir Jonas helfen können, sich eine Existenz, die ihm den Lebensunterhalt sichert, in Ghana aufzubauen. Vielleicht wollen Sie auch helfen oder Sie haben Erfahrungen, die uns nützlich sein können in diesem Zusammenhang. Darum veröffentliche ich diesen Brief:
Liebe Freunde,
im Dezember habe ich hier im Blog von Jonas Odartei Aryee-Boi berichtet. Wer es nicht gelesen hat, kann dort nachschauen, um genau zu verstehen, worum es mir in meinem Brief an Euch geht.
Vor zwei Wochen hat mich endlich ein Lebenszeichen von Jonas aus Ghana erreicht. Nachdem er aus Verzweiflung und am Ende seiner körperlichen und psychischen Kräfte vor ca. zwei Jahren Deutschland verlassen hat und den Kampf um seinen kleinen Sohn Samuel und um sein Bleiberecht aufgegeben hat, war er mit leeren Taschen und hungrigem Magen in seine afrikanische Heimat zurückgekehrt. Dort musste er bei seiner Familie um Aufnahme betteln. (Üblicherweise werden Heimkehrer aus Europa gefeiert – vorausgesetzt sie kommen erfolgreich und „reich“ zurück und können die afrikanische Familie unterstützen und beschenken, aber Jonas kam mit leeren Händen und als Verlierer.) Er hatte es seit seiner Ankunft sehr schwer. Keine soziale Unterstützung, keine Arbeit, nichts. Er „wohnt“ in einer ghettoartigen Gegend in der Hauptstadt Accra, hat nur schwer Zugang zu Waschgelegenheiten und keinen Strom (weil er den nicht bezahlen kann). Er bettelt um Lebensmittel bei ein paar verbliebenen Freunden und Bekannten.
Ich kenne Jonas seit langem, er hat bei mir Praktika absolviert und für mein Geschäft gearbeitet. Er war immer da, wenn mal jemand Hilfe brauchte. Ich vertraue ihm und seinen Berichten voll und ganz. Einige von Euch können sich bestimmt noch an ihn erinnern und werden das vielleicht bestätigen.
Jonas ist Schneider. Ich weiss, was er kann und ich bin davon überzeugt, dass er eine echte Chance hätte, eine selbständige Existenz aufzubauen, die seinen Lebensunterhalt sichert.
In Ghana gibt es für mittellose Menschen seit ein paar Jahren die Möglichkeit, sogenannte Mikrokredite aufzunehmen. (Diese Art der Förderung ist besonders aus Indien bekannt: Initiator war dort der später dafür mit einem Nobelpreis geehrte Muhammad Yunus.) Diese Mikrokredite werden im Rahmen der Entwicklungsförderung von verschiedenen Organisationen vergeben. Allerdings werden zu 80% Frauen gefördert. Vielleicht hat Jonas dennoch eine Chance, er will es versuchen.
Wie schwer es aber ist, sich auf seine Ziele zu konzentrieren, wenn man nicht weiss, wo man am nächsten Abend ein Bett findet, oder ob man morgen etwas zu essen haben wird, können wir uns vorstellen, auch ohne es selbst je erlebt zu haben.
Frank und ich haben uns überlegt, wie wir Jonas helfen können. Unsere eigenen finanziellen Mittel sind begrenzt, aber wir wollen Jonas helfen, auf die Beine zu kommen.
Wir werden Jonas für ein Jahr lang monatlich mit 50€ unterstützen.
Darüber hinaus braucht Jonas eine Nähmaschine, vielleicht sogar eine Overlock-Kettelmaschine, Zubehör, wie Garn, Scheren, Bügeleisen usw. Das muss nicht alles neu gekauft werden. Vielleicht hat der eine oder andere von Euch eine elektrische, funktionstüchtige Nähmaschine, die seit Jahren ungenutzt in der Ecke ihr Dasein fristet… Bitte meldet Euch bei uns, wenn Ihr eine Maschine zu verschenken oder billig abzugeben habt! Dasselbe gilt für Bügeleisen oder Scheren, die man nachschleifen könnte.
Außerdem könntet Ihr helfen, indem Ihr mal nachschaut, was Ihr an Mode-Leichen im Kleiderschrank habt: Kleidungsstücke, die Ihr nicht mehr tragen wollt, unmodern oder zu eng geworden? Sogar alte Bettwäsche geht wunderbar, denn das ist viel Stoff auf ein Mal! Jonas kann daraus lustige, bunte, schöne Sachen zaubern. Er macht fantasievolles afrikanische Patchwork aus allem, was sich dazu eignet. Damit hätte Jonas einen Anfang. Er könnte aus gebrauchten Stoffen selbstgeschneiderte Sachen verkaufen und sich dann in Ghana selber Stoffe kaufen um weiter zu arbeiten.
Jonas und ich haben beschlossen, seine Geschichte aufzuschreiben. D.h. ich habe versprochen, ihm dabei zu helfen.
Natürlich kann Jonas im Internetcafé sitzen und seine Texte als Mails verfassen. Oder er nimmt ein Stück Papier und einen Stift und schickt die Aufzeichnungen per Post. Also nur für den Fall, dass jemand von Euch ECHT nicht weiß, wohin mit seinem alten Notebook: nicht wegwerfen! Billig verkaufen oder verschenken! Ein Platz im Himmel (oder so) wäre Euch allemal sicher...
Also ist das eine Bettelmail? Ich weiß nicht.
Wir bitten Euch um Mithilfe. Wer helfen kann und möchte, wird es tun. Da sind wir sicher. Wir wissen auch, dass man die Welt nicht retten kann und dass es sicher Menschen gibt, denen es NOCH schlechter geht. Aber hier können wir helfen und es ist das Schlimmste an Lebensumständen, das mir (Kat) im Moment persönlich bekannt ist, deshalb fangen wir da an, wo wir wirklich was tun können.
Wir möchten sobald wie möglich einige Sachen (Stoffe, Kleidung, Nähmaschinen und Zubehör verschicken.) Bitte gebt mir Nachricht (
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), falls Ihr etwas zu verschenken oder zu verkaufen habt. Wir holen die Sachen ab und verschicken sie dann. Wenn Ihr interessiert seid, halten wir Euch gerne auf dem Laufenden, wie Jonas mit unser aller Hilfe aus der Not heraus kommt und sich eine Existenz aufbaut!
So, das war eine lange Mail, darum noch mal auf einen Blick, was Jonas braucht:
• Haushaltsnähmaschine, elektrisch, möglichst funktionstüchtig (lasse ich ansonsten überholen und instandsetzen)
• Overlock (Kettelmaschine)
• Große und kleine Scheren, die man nachschärfen kann
• Bügeleisen
• Alte Kleidungsstücke, Bettwäsche, Stoffstücke
• Ein alter Laptop (das ist nur ein Schlaraffenlandwunsch und absolut nicht lebensnotwendig, aber manchmal ist das Leben komisch und Ihr habt alle zufällig genau DAS übrig)
Herzliche Grüße
Kat
