
Freitag Abend in der Kleinstadt. Die zähflüssige Zeit zwischen Abendbrotkrümel wegwischen und Fernbedienung suchen. Man könnte spazierengehen und Nachbarn zuwinken, bevor sich die Dämmerung über alles senkt. Aber die Fenster bleiben zu, die Türen auch. Bürgersteige zum Hochklappen bereit. Kein Mensch, kein Hund, keine Maus.
Altlandsberg, Klosterstraße 12, Freitag, 4.September, 19:30 Uhr. Ich öffne das grün gestrichene, schwere Holztor. Heller Raum, warmes Licht, die Früchte des Sommers in Körben gesammelt, viele Stimmen, Musik: Ich befinde mich wieder in der Welt der LebeWesen. Es ist das Haus des Künstlers Johannes Karl Gotthard Niedlich. (Siehe Artikel: Heuschrecke, Ratte, Hollunder und Huhn)
Im Hof links an der Mauer entdecke ich eine Dame im olivgrünen, hautengen Outfit. Perfekt Ton in Ton gekleidet. Mit übereinander geschlagenen Beinen und verschränkten Armen, lehnt sie leicht verknotet am Tischchen. Irgendwann löst sie sehr langsam ihre Hand, reckt den Kopf eine Winzigkeit nach vorn, piekt den zarten Ellenbogen in die Tischplatte und berührt so graziös wie möglich mit der Fingerspitze das Kinn. Wartestellung. Ein süßes Lächeln in den Mundwinkeln, die rehbraunen Augen verfärben sich ins Giftig-Gelbe, der Blick wird stechender, wenn da nicht dieses Lächeln wäre... Du kannst den Blick nicht wenden, kannst Dich nicht mehr rühren, weißt nicht wohin. Du bist das Kaninchen vor der Schlange...

Die Lebewesen an den Wänden, in Bildern, Rahmen, Passepartouts, hinter Glas. Ungezähmt. Lebendig. Die Leute davor neugierig, staunend, belustigt, berührt, ergriffen, erfreut, bewundernd, wissend, unwissend. "Ein jedes Wesen findet sich im anderen wieder." Lebewesen hinter Glas, Lebewesen davor. Wer betrachtet wen? Was berührt mich beim Anblick des Froschs, der selbstgefällig und breit herumlümmelt? Warum sehe ich eine blaue Weintraube an, als müßte ich mir für immer Farbe und Größe, Saft und Süße jeder Beere merken; als müsste ich mich an jede abgefallene, runzligen Beere erinnern, deren vertrockneter Stilansatz leer und verkrümmt ins Nichts ragt?

Ein Abend im Getümmel des Ausstellungsfestes reicht nicht, um sich in all die Tieraugen zu versenken. Ich muss die Füßchen ansehen, die langen, viel zu dünnen Beinchen aufgeplusterter Vögel. Ich möchte begreifen, warum ich den Schmerz eines möglicherweise verletzten Pferdes zu empfinden glaube. Was weiß ich von den LebeWesen? Was interpretiere ich, was sehe ich? Schenkt der Künstler den Tieren und Pflanzen menschliche Eigenschaften, lässt er sie auf unserer Bühne tanzen? Intepretiert er die Gestalten der Tiere ins menschliche Denken und Fühlen? Ich kann es nicht trennen. Ich will es herausfinden.
Achtung vor allen Lebewesen und die Fähigkeit über sich selbst zu lachen? Vielleicht sind dies Zutaten, die nötig sind für solch ein Werk?

Danke für das 13. Ausstellungsfest bei und mit Johannes Karl Gotthard Niedlich! Danke für die Gastfreundschaft, für den Pflaumenkuchen, den Wein. Für mich war es das dritte, an dem ich teilnehmen konnte. Ich werde mich noch im Herbst zum Besuch anmelden, um diesen besonderen LebeWesen wieder zu begegnen und um ihr Geheimnis zu ergründen.
Anläßlich der Ausstellung konnten die Besucher ihre vorbestellten Kalender für 2010 abholen und original Handzeichnungen erwerben. Wer noch einen Kalender erwischen möchte, sollte sich schnell auf den Weg machen. Mehr Informationen über Johannes Karl Gotthard Niedlich finden Sie auf seiner Website. www.niedlich.info
