Jede Hand wäscht eine andere? Dann wechselt wenigstens das Wasser!

Wozu dient ein Blog?  Worüber will ich, kann ich, darf ich schreiben? Mit welchem Anspruch? Diese Fragen stelle ich mir nach zwei Monaten "NOCH SCHÖNER LEBEN!".
Anfang Oktober war ich im Konzert und hatte,  ganz erfüllt von dem Erlebnis, die Vorstellung, dass ich unbedingt darüber berichten müsste. Der Artikel dümpelt vor sich hin und täglich sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass er fertig wird.  Soll ich mein Erlebnis beschreiben (wen interessiert das?), ich könnte eine Musikkritik wagen (schließlich habe ich vor Zeiten  Musik studiert)... wie ich so an meinem Artikel kaue und würge und mich bei jedem Satz frage, ob ich ihn lieber streichen soll, bezweifele ich langsam den Sinn jeglicher Mitteilungen. Ich bin kein Journalist und ich merke - zum Glück -, wie schwer es ist, etwas halbwegs Vernünftiges zu fabrizieren.

Seit ich  diesen Blog betreibe, sehe ich mir genauer an, was andere schreiben. Zum Beispiel was so in Stadteilmagazine gedruckt wird.
Mir fällt auf: Es ist schick über Themen zu schreiben, die völlig unverfänglich sind, z.B.  dass es im September schon Weihnachtsgebäck im Supermarkt gibt. (Jedes Jahr ein beliebtes Thema, das sich auch gut saisonal abgewandelt im Januar mit Schokoladenhasen vortragen lässt.)

Besonders beliebt, weil ganze Seiten füllend, sind bezahlte Werbeartikel. Schließlich muss "das Heft finanziert werden", bzw. die Macher. Um jeden Monat auf die erforderliche Seitenzahl zu kommen, dürfen Gastautoren über ihr Lieblingsthema schreiben: Ihren Beruf/ ihr Geschäft. Da können sie bestens erklären, weshalb man unbedingt sein Leben ändern und eine Yogakurs in ihrem Institut beginnen sollte). Am Artikelende stehen gewöhnlich Adresse/Öffnungszeiten und alles was der Leser so braucht. Ich finde, es sollte vor allem fett drüberstehen: WERBETEXT. Dann weiss jeder Bescheid.

Dann gibt es diese Sorte "unabhängiger" Artikel: "Letzte Woche war ich dort und dort und habe dies und jenes gegessen, alles suuuuuper, ach wie schön, dass es das gibt, toi toi toi, macht weiter so." Und jeder kennt die Bude schon, denn hier im Kiez kennt jeder jede Kneipe und jeden Laden, und ich denke so bei mir, das ist auch eine Art sich durch die Gegend zu schnorren:  Klasse, also ich gehe ich den Blumenladen und sage: Ich schreibe einen Werbeartikel über Eure tollen, superlange haltbaren Blumen, aber ich brauche einen kostenlosen Teststrauß dazu. (Bin nämlich heute noch wo eingeladen und der Blumenstrauß würde sich ganz prima machen.) Ist doch ein faires Geschäft! Was kommt dabei raus? Ein bezahlter WERBETEXT. Der Textschreiber muss sich ja auch finanzieren. Dafür schreibt er dann auch das, was der Kunde (hier der Blumenladenbesitzer) für geschäftsfördernd hält.  Haben alle was davon.
Nun braucht es keiner mehr zu lesen, denn jeder weiß, dass für entsprechende Gegenleistung der größte Unfug aufs Papier kommt. Weil es keiner braucht, kauft es auch keiner, darum gibt es das Blatt kostenlos. Und damit es sich finanziert... oh neee!

Ach, und wer noch nicht gelobt wurde, tut es kurzerhand selber oder fragt seinen Nachbarn, ob er nicht gegen eine Einladung zum Mittagessen... Ausserdem gibt es die offizielle Werbung:  Seitenweise abgedruckte Visitenkarten, gerne auch von den Firmen, über die auf den Seiten davor ausführlich palavert wurde.

Meine Frage: Wie schreibt man ehrlich, kritisch, offen, wenn man von denen, über die man schreibt, bezahlt wird?

Es kommt mir spanisch vor, dass alles immer toll sein soll. Wäre es der Untergang, wenn  einer schreibt: "Ich war im Restaurant von  X. , es hat nicht geschmeckt, die Portionen waren mickrig, der Service war mies und das ganze Ambiente ist  oberpeinlich." (Da fällt mir doch glatt eine örtliche Lokalität dazu ein...)? Oder müssten sich die Kritisierten dann endlich mal anstrengen??
Mehr Biss, mehr Mut, mehr Bewegung! Und ein bisschen ehrlicher.  Mir hängt die Lobhudelei zum Halse heraus.
Worüber rege ich mich auf? Das gibt es überall und alle machen es. Und es hat einen ordentlichen bürgerlichen Namen: PR. Public Relations. Nicht zu verwechseln mit Journalismus.

Und somit komme ich am Ende zur Überzeugung: Lieber dem gelangweilten Leser die unmaßgebliche Meinung aufdrängeln, auch wenn es dabei  im Halse kratzt, als mich dafür bezahlen lassen, Lobesgesänge anzustimmen. Und wenn ich mal schwärme, kann jeder wissen, dass es echt ist und mir nix einbringt. Fazit: Alles ist ok, man muss es nur deutlich auseinanderhalten können! Darum steht hier in "NOCH SCHÖNER LEBEN!" über Werbung auch WERBUNG und über einer Anzeige ANZEIGE. 

Wer ehrlich und kritisch schreibt, eckt an.  Kuschelig ist was anderes. So ist das. 

Heute heißt für mich "NOCH SCHÖNER LEBEN!" ehrlicher leben.  Mal sehen, was morgen ist.

noch schöner leben

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